Die Blüte der Westplatte

Teil 4

Phase 1 - Phänomen als Siedlung ab ca. 1959

Vergleicht man verschiedene Siedlungsprojekte im Großtafelbau in Westdeutschland, so bilden sich drei Entwicklungsphasen ab. In der Nachkriegszeit kam es zu einer starken Stadt-Land-Flucht, da viele Menschen in die Städte zogen, um dort Arbeit zu suchen. In der Folge entstanden unter anderem Großtafelbau-Siedlungen, die sich an städtebaulichen Ideen der 1920er Jahre orientierten und den Prinzipien von Licht, Luft und Sonne folgten. Sie bestehen in der Regel aus drei- bis viergeschossigen Zweispännern und befinden sich am Rande von Großstädten mit guter Anbindung zum Stadtzentrum, so wie es beispielsweise in Hamburg Großlohe-Süd mit der Siedlung Großlohering oder Farmsen-Berne (vgl. Abb. 360) der Fall war. Gleichzeitig wurden jedoch auch innerstädtische Lücken geschlossen: Hierfür finden sich einige Beispiele wie die Bebauungen in Hamburg-Billstedt, -Lohbrügge und -Horn.
Wenn man Gebäude, die unter “Plattenverdacht” stehen, mit der Sammlung der verschiedenen Systeme und Grundrisstypen vergleicht, lassen sich noch vergleichbar gut Großtafelbauten identifizieren, vor allem wenn diese noch nicht saniert sind und man die Fassadenplatten noch erkennen kann. Dies funktioniert auch aus der Ferne: Durch Abgleichen von bekannten Systemen und 3D-Satellitenbildern lassen sich einige Gebäude identifizieren. Befindet sich in der Umgebung bereits bekannte Großtafelbauten oder ein Fertigteilwerk einer Firma, die mit Fertigteilen baut verhärtet sich der Verdacht und macht es sehr wahrscheinlich, dass aus einem “Plattenverdacht” eine Bestätigung wird.

[Abb. 360] „Hamburg-Wandsbek. Blick auf das Neubaugebiet Farmsen-Berne“ von Mingram, Gerd (1971) | Lizenz: © Deutsche Fotothek / GERMIN (Rechte vorbehalten)

Camus, Bauvorhaben "Farmsen-Berne" in Hamburg

Phase 2 - Städtebauliche Mischung ca. 1966-1969

Die zweite Phase zeichnet sich durch eine stärkere städtebauliche Durchmischung aus. Neben den bestehenden Zeilen entstehen durch Punkthäuser neue städtebauliche Hochpunkte. Gleichzeitig wurden die Zeilentypen zunehmend zu Hof- und Winkelstrukturen gruppiert und durch neue Ecktypen miteinander verbunden.
Anders als in der ersten Phase, in der vor allem Typenhäuser dominierten, werden nun die einzelnen Systeme verstärkt auf die spezifischen Grundrisse der Architekten angepasst – mit dem Ziel, Monotonie zu vermeiden. So entstanden für die Neue Heimat beispielsweise in Essen-Bergmannsfeld (1966–1970), Ratingen-West (Bauabschnitte I–III, 1967–1980), Düsseldorf-Garath (Bauabschnitt Süd-Ost, 1966–1968) und Monheim-Süd (1965–1972) (vgl. Abb. 16) identische Grundrisstypen sowohl in reiner Großtafelbauweise durch Beton- und Monierbau sowie Grün & Bilfinger als auch im Allbeton-Verfahren durch Hochtief.
Diese Siedlungen befinden sich etwas weiter außerhalb der Stadt, verfügen jedoch mit Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und Einkaufsmöglichkeiten über ein gutes Nahversorgungsangebot, weshalb sie als Trabantenstädte eingeordnet werden können.
Bei Gebäuden aus dieser Phase ist es schwerer einen “Plattenverdacht” zu bestätigen, da die Firmen ihre Systeme oft auf Grundrisse angepasst haben. Beispiel hierfür ist die von der Neuen Heimat geplante Siedlung in Düsseldorf-Garath. Beim erstmaligen Besuch ist aufgefallen, dass offensichtlich gleiche Typen von verschiedenen Systemen gebaut wurden. Erst eine Recherche im Stadtarchiv Düsseldorf hat die Gewissheit der Systemzuordnung gebracht und gleichzeitig wurde klar: In einem Entwässerungsplan (vgl. Abb. 361) sind die Gebäude mit den Grundriss-Typenbezeichnung mit den Kürzeln der ausführenden Firmen versehen, was bedeutet, dass gleiche Grundrisstypen der Neuen Heimat von verschiedenen Firmen angewandt wurden.
Diese Erkenntnis passt in eine Zeit, in der viele große Siedlungen geplant wurden und die Masse der zu errichteten Gebäude eine Anpassung der Systeme wirtschaftlich machte, um besser den Anforderungen der Bauherrschaft und schließlich auch der Bewohnenden einzugehen. Gleichzeitig überbrückt man damit die Leistungsgrenze der einzelnen Bauunternehmen, indem einfach andere Firmen die gleichen Grundrisse bauten, dabei aber die Vorteile der industriellen Vorfertigung bestehen blieben.

[Abb. 16] „Luftbild Monheim-Süd von Nordost“ von unbekannt (1967) | Quelle: Stadtarchiv Monheim am Rhein | Lizenz: © Hamburger Aero Lloyd / Stadtarchiv Monheim am Rhein

Luftbild der Wohnanlage Monheim-Süd mit Blick von Nordost auf die Baustelle

Bei großen Vorhaben werden in der zweiten Phase 2 die Systeme auf gewünschte Grundrisse angepasst.

[Abb. 361] „Bebauungsplan Garath Südost, Abschnitt Aachener Wohnungsgesellschaft “ von Landeshauptstadt Düsseldorf, Planungsbüro Düsselsdorf-Garat | Digitalisierung: Ferdinand Feldkamp (1967/2025) | Quelle: Archiv WOGEDO | Lizenz: © WOGEDO / Ferdinand Feldkamp

Entwässerungsplan Düsseldorf-Garath mit Eintragungen zu Grundriss-Typ und ausführender Firmen Grün & Bilfinger und Boswau + Knauer

Probleme und Kritik

Mit der neuen Bautechnik traten auch konstruktive Probleme auf: Oft gab es Probleme mit dem Wärmeschutz und der Tauwasserbildung. In einem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1969 werden Stimmen eingefangen, die zu dieser Zeit bereits schlechte Erfahrungen mit den Gebäuden vom Fließband gemacht hatten: „Wir nennen es auch ‚Tropfsteinhöhle‘, auf der Wetterseite wachsen im Winter die Eiszapfen nach innen“ oder „Das Regenwasser läuft rein“, „Der Parkettboden wirft sich“, „Die Fenster schließen schlecht, man hat das Gefühl, im Freien zu sitzen“ [27].
Aber auch mit dem Erscheinungsbild war man nicht zufrieden: „Die graue Hölle ist det hier“ oder „Jeden Abend, wenn ich nach Hause komme, verfluche ich den Tag, an dem wir in diese Kaserne gezogen sind“ [27]. Solche Reaktionen liest man heute wie damals häufiger. Dabei sind sie nicht nur Ausdruck des nicht getroffenen Geschmacks, sondern drücken auch den Wunsch nach Individualität aus. Zudem wollte man nicht in Häuser ziehen, die sich optisch mit den Baracken aus dem Krieg verbinden ließen. Nach den Kriegserlebnissen hatten viele in Notunterkünften gelebt und hatten nun den Wunsch nach einer schönen Wohnumgebung. Ihnen reichte es nicht mehr, nur „ein Dach über dem Kopf zu haben”, wie es sogar in einer Werbeanzeige der Firma Trevira in der Zeitschrift der Neuen Heimat heißt (vgl. Abb. 25). Auch darf man sicherlich nicht außer Acht lassen, dass die heute so grünen Freiflächen damals noch nicht so grün waren.

„Jeden Abend, wenn ich nach Hause komme, verfluche ich den Tag, an dem wir in diese Kaserne gezogen sind“ [27]

Quellenverzeichnis

[27] unbekannt, „Es bröckelt“, Der Spiegel, Bd. 1969, Nr. 6, 1969, [Online verfügbar].