Ein Artikel von Karl Heinz Walper aus dem Jahr 1969 fasst den damaligen Forschungsstand wie folgt zusammen:
In den 1950er- und 1960er-Jahren stand in der Wohnungsbaupolitik allzu oft die serielle, massenhafte Fertigung von Siedlungen im Vordergrund – ein technokratischer Ansatz, bei dem die Bedürfnisse der Bürger*innen weitgehend vernachlässigt wurden. Die Wohnqualität blieb dabei vielfach auf der Strecke. Der Fokus lag primär auf Rationalisierung und Industrialisierung, ohne den sozialen Kontext des Bauens in ausreichendem Maße zu berücksichtigen. Diese einseitige Orientierung birgt Risiken: Würde man allein auf Effizienz und industrielle Prozesse setzen, bestünde die Gefahr, dass sich die damals vorherrschenden Bau- und Wohnformen verfestigen – und mit ihnen die bekannten Defizite. Um diesem Trend entgegenzuwirken, wurde unter anderem der Arbeitskreis „Bauforschung, Rationalisierung und Industrialisierung des Bauwesens” ins Leben gerufen. Ein Blick in die Schweiz zeigte bereits damals einen strukturierteren Forschungsansatz, weshalb sich das eigene Vorgehen daran orientierte. Dort wurde das Bauwesen systematisch in mehrere Forschungsebenen gegliedert. Dazu gehörten Untersuchungen zum Wohnverhalten, Bedarfsanalysen und Zukunftsforschung ebenso wie bautechnische Fragen, – etwa zur Wirtschaftlichkeit, Gestaltung, zu Baustoffen und Bauverfahren. Ergänzt wurde diese Matrix durch Forschungen zu Bau- und Planungsmethoden sowie zur Organisation von Baustellen. Gleichzeitig wurden zahlreiche strukturelle Hemmnisse identifiziert, die einer Weiterentwicklung des Bauens im Wege standen. Mangelnde Koordination der beteiligten Akteure, unzureichende Kontinuität öffentlicher Bauaufträge, verpasste Kooperationsmöglichkeiten auf Seiten der ausführenden Unternehmen und nicht zuletzt rechtliche Hürden wie das Bauaufsichtsrecht oder komplizierte Vergabe- und Gebührenregelungen für Architekt*innen waren nur einige davon. Ein Signal für einen Aufbruch setzte die Politik 1969 mit der massiven Erhöhung der Forschungsmittel: Zusammen mit Bundesbauminister Dr. Lauritzen wurde das Fördervolumen von vormals 850.000 D-Mark auf 5 Millionen D-Mark gesteigert [28].
Nachdem die erwähnten Wettbewerbe das Ende der Großtafelbauweise einläuteten, zeigte sich mit dem Ansatz „Urbanität durch Dichte” eine deutliche Zunahme der Größe, sowohl hinsichtlich der Ausdehnung der bebauten Gebiete als auch der einzelnen Gebäudestrukturen. Damit verbunden war ein erhöhter Bedarf an Infrastruktur und eine zunehmende Bemühung, Monotonie durch Typenvielfalt aufzubrechen. Die stetig größer werdenden Strukturen waren zum einen aus statischen Gründen zunehmend schwieriger in Großtafelbauweise umzusetzen und zum anderen ließ sich damit nicht die Monotonie brechen, die gerade in der Typisierung der Platten lag. Gleichzeitig entwickelten sich die Schalungsverfahren technisch weiter, sodass alternative Methoden effizienter wurden. Immer häufiger kamen daher Mischbauweisen wie das Allbetonverfahren oder die Stahltunnelschalung zum Einsatz. Dabei erfolgte der Rohbau aus Ortbeton mithilfe raumhoher Schalungselemente, während Fassaden und spezifische Bauteile weiterhin als Fertigteile hergestellt wurden. Der Bauprozess verlief in getakteter Arbeitsweise: Während in den unteren Geschossen bereits Ausbauarbeiten stattfanden, wurde in den oberen Bereichen noch der Rohbau betoniert. Bereits bestehende Siedlungen wurden nachverdichtet und teilweise mit größeren Strukturen ergänzt. Ein Beispiel hierfür ist der Bau des sogenannten Lindwurms in Ratingen West (vgl. Abb. 65). Durch die neuen Bauweisen entsteht der Eindruck, dass es sich um eine Platte handelt, obwohl dies nicht der Fall ist. Erst bei näherer Beschäftigung mit den Gebäuden dieser Phase sind wir auf das Mitteilungsblatt der Firma gestoßen, die diese Gebäude gebaut hat. In den „Hochtief Nachrichten” sind zahlreiche Gebäude aufgeführt, die mit den neuen Methoden erbaut wurden und nur Großtafelfassaden erhalten haben. Unter anderem eben auch der Lindwurm oder auch die Gebäude in Köln Chorweiler (vgl. Abb. 411), die oft für eine “Platte” gehalten werden.
In der dritten Phase entstanden die letzten Gebäude und Siedlungen in Großtafelbauweise. Der Baubeginn des Demonstrativbauvorhabens Osterholz-Tenever in Bremen war im Jahr 1968, doch 1976 wurde das Projekt gestoppt, als gerade einmal 2.600 der geplanten 4.600 Wohneinheiten fertiggestellt waren. Die Wohnungen waren nur schwer zu vermieten und der Charakter der Siedlung, die nach dem Prinzip „Urbanität durch Dichte” geplant wurde, fand in der Gesellschaft keinen Anklang. Die Bürger*innen tauften sie „Klein-Manhattan” [31], [32].
Die High-Deck Siedlung in Berlin-Neukölln (vgl. Abb. 362) wurde im Gegensatz zu den zeitgenössischen Ansätzen als Abkehr von der Urbanität durch Dichte geplant und setzte dabei auf eine baulich-funktionale Trennung zwischen Fuß- und Automobilverkehr. Die geplanten Terrassierungen an den Häusern konnten nur im Obergeschoss ausgeführt werden, da die Verwendung eines Fertigteil-Bausystems beim ausgeschriebenen Wettbewerb vorgeschrieben war [33]. Die Siedlung, die unter anderem als Kulisse für die Serie “4 Blocks” fungierte, wurde zwischen 1975 und 1984 gebaut und steht mittlerweile unter Denkmalschutz.
[28] K. H. Walper, „Bauforschung im Rückstand“, Neue Heimat, Bd. 1969, Nr. 6, S. 1–4, 1969.
[29] H. Deilmann, G. Bickenbach, und H. Pfeiffer, Wohnsysteme: „Flexible Wohngrundrisse“ ; „Elementa 72“ ; „Integra“ = Dwelling systems. in Architekturwettbewerbe 74. Stuttgart: Krämer, 1973.
[30] G. Achterberg, Bau-Wettbewerb Elementa 72. in Schriftenreihe „Wettbewerbe“ des Bundesministers für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau : 5 2. Bonn- Bad Godesberg: Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, 1973.
[31] M. von Minden, „‚Klein-Manhattan‘ in Bremen – vom Prestigeprojekt zum Getto und zurück“, buten un binnen, 2022, [Online]. Verfügbar unter: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/fuenfzig-jahre-bremen-osterholz-tenever-100.html
[32] unbekannt, „Osterholz – Tenever Demonstrativbauvorhaben“, architekturführer bremen. [Online]. Verfügbar unter: https://architekturfuehrer-bremen.de/n_anzeigen.php?id=175&big=2
[33] J. Sethmann, „Berlins Wohnungsbau-Architekt:innen: ‚Die Zeit war reif für neue Konzepte‘“, MieterMagazin des Berliner Mietverein.
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