Was ist die Westplatte?

Teil 1

Wo liegt der Ursprung der Großtafelbauweise?

Die Großtafelbauweise lässt sich als wesentliches Phänomen der fortschreitenden Rationalisierung und Industrialisierung des Bauwesens ab etwa 1950 einordnen. Es liegen jedoch bereits vor dem Zweiten Weltkrieg erste wegweisende Versuche zur Vorfertigung von Bauteilen vor. Als Protagonist des Neuen Bauens sprach sich Walter Gropius für die Verflechtung der Architektur mit der Industrie aus und experimentierte ab 1923 unter anderem mit vorgefertigten Holzpaneelen und Typisierung in der Architektur [4]. Die Siedlung Dessau-Törten wurde in den Jahren 1926 bis 1928 als Prototyp für einen preisgünstigen Massenwohnungsbau konzipiert (vgl. Abb. 17 und 18). Im Rahmen des Bauvorhabens wurden tragende Wände aus vor Ort vorgefertigten Schlackebetonsteinen mit Kränen bewegt und errichtet. Die Montage der Deckenkonstruktionen aus armierten Stahlbetonträgern konnte innerhalb eines Zeitrahmens von 45 Minuten abgeschlossen werden. Allerdings resultierte aus dieser Bauweise kein signifikanter Kostenvorteil im Vergleich zur konventionellen Ausführung. Darüber hinaus zeigten sich nach Gropius’ Weggang aus Dessau bauliche Mängel, wie etwa fehlende Schallisolierung, mangelhafte Wärmedämmung und Kondenswasserbildung [5], [6].

Um die industrielle Vorfertigung weiter voranzutreiben, suchte sich Gropius auch Partner in der Industrie. Um 1931 entstanden in Kooperation mit Hirsch, Kupfer- und Messingwerke (HKM) Fertighäuser mit Kupferfassade (vgl. Abb. 19) [4].

Später widmete sich Ernst May dem Bauen mit Plattenbausteinen. Bis 1933 wurden in Frankfurt-Praunheim in einem von ihm entwickelten System etwa 1.000 Wohneinheiten errichtet (vgl. Abb. 20). Dieses System kann weniger als standardisiertes Typenprojekt mit vielen gleichen Bauteilen betrachtet werden, sondern ist vielmehr als Baukastenprinzip zu verstehen. Darüber hinaus erlaubte diese Bauweise lediglich den Bau von zweigeschossigen Gebäuden und es traten zusätzlich Probleme mit Feuchtigkeit auf [4].

Die erste deutsche Siedlung in Großtafelbauweise wurde bereits 1927 errichtet. Die Splanemannsiedlung in Berlin-Lichtenberg basiert auf dem amerikanischen System Atterbury, das von Grosvenor Atterbury entwickelt wurde und unter der Lizenzbezeichnung Occident von Martin Wagner und Wilhelm Primke ausgeführt wurde (vgl. Abb. 21) [4]. Die großformatigen Wandtafeln, die eine Größe von bis zu 7,50 m × 3,00 m aufwiesen, wurden nicht in einer industriellen Vorfertigung hergestellt, sondern vor Ort gegossen. Dieses Experiment konnte jedoch nicht als erfolgreich eingestuft werden, da die konstruktive Umsetzung mit zahlreichen Vor- und Rücksprüngen sowie den kleinen Hauseinheiten und langen Trocknungszeiten keine signifikanten Kosten- und Zeitersparnisse generieren konnte [7].

[Abb. 17] „Baustelle Bauhaussiedlung Törten in Dessau : Blickrichtung Südosten in die Doppelreihe “ von Hansa-Luftbild GmbH (Münster/Westf.) (1927) | Quelle: Deutsche Digitale Bibliothek | Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0"

Baustelle in Dessau Törten, 1926

Die ersten echten Platten stehen in der Splanemann-Siedlung in Berlin-Friedrichsfelde. Sie wurden 1927 gebaut.

[Abb. 18] „Dessau-Törten, Bauhaussiedlung von Walter Gropius, 4. Bauabschnitt, Blick von Süden“ von Junkers Luftbild / Hansa Luftbild (1929) | Quelle: Deutsche Digitale Bibliothek | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Bauhaussiedlung in Dessau-Törten, 1929

[Abb. 19] „In Niederfinow, Wasserturm und vorn Kupferhaus“ von Lambers, Hansgert (Datum unbekannt) | Quelle: Deutsche Fotothek | Lizenz: © Deutsche Fotothek / Hansgert Lambers

Kupferhaus in Niederfinow

[Abb. 20] „Plattenbausiedlung in Frankfurt am Main, Praunheim von Ernst May“ von Kleye, Paul (1929-1931) | Quelle: Großdiathek IKARE | Lizenz: © Großdiathek IKARE

Siedlung Frankfurt-Praunheim: Vorgefertigte Wand- und Deckenelemente werden mithilfe eines Krans montiert

[Abb. 21] „Splanemann-Siedlung“ von Schroeder, Michael G. (2011) | Quelle: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wohnbebauung aus Großtafeln in der Splanemannsiedlung in Berlin

Großtafelbau während des zweiten Weltkriegs

Während des Zweiten Weltkriegs kam es zu einem signifikanten Rückgang der Bautätigkeit. Am 16.02.1940 erließ die nationalsozialistische Regierung ein generelles Neubauverbot, von dem lediglich Bauprojekte mit einer Bausumme von maximal 5.000 RM sowie der Werkswohnungsbau für Rüstungsbetriebe ausgenommen waren. Die Anzahl der fertiggestellten Wohnungen sank von 206.229 im Jahr 1939 auf 29.670 im Jahr 1943 [8].

Obwohl in den frühen Jahren des Zweiten Weltkriegs ein Neubauverbot bestand, kam es ab 1940 mit dem Führererlass “Sozialer Wohnungsbau nach dem Kriege” zu einer Auseinandersetzung mit dem Nachkriegswohnungsbau. Dieser sah unter anderem die Anwendung industrieller Fertigungsmethoden für sämtliche Neubauten vor. Die sogenannten “Reichsbauformen” wurden seinerzeit von der “Deutschen Arbeitsfront” (DAF) entwickelt und umfassten unter anderem standardisierte Lösungen für Nasszellen und Fertigtreppen. In diesem Kontext wurde Ernst Neufert mit der Entwicklung entsprechender Normierungskonzepte beauftragt [8].

Während des Krieges wurden Wettbewerbe durchgeführt, wie etwa der “Gauwettbewerb für landschaftsgebundenes Bauen”. In diesem Wettbewerb versteckten die Teilnehmer industriell vorgefertigte Häuser hinter Fassaden, die sich stilistisch an ländlichen, barocken oder klassizistischen Vorbildern orientierten. Im Zuge der angestrebten Rationalisierung wurden im Jahr 1943 erstmalig Planungen für die Fabrikproduktion von Einfamilienhäusern präsentiert. Obwohl diese Vorhaben während des Krieges nicht mehr realisiert wurden, legen sie doch nahe, dass bereits zu diesem Zeitpunkt intensive Diskussionen und Entwicklungsarbeiten zu industriellen Bauverfahren stattfanden. Der 1943 gegründete Arbeitsstab für den Wiederaufbau widmete sich beispielsweise der Diskussion über das Ausmaß von Normierung, Typisierung und Industrialisierung. Während einige Mitglieder eine konsequente industrielle Fertigung befürworteten, lehnten andere diese strikt ab. Es bestand jedoch Einigkeit darüber, dass flexible Wohngrundrisse notwendig sind, um zunächst während der akuten Wohnungsnot eine hohe Belegungszahl zu ermöglichen und später eine Anpassung der Wohnungsgrößen vorzunehmen [8].

Die Nationalsozialisten waren sich hinsichtlich der Vorfertigung des Wohnungsbaus nicht einig. Bei der Diskussion ging es aber eher um die Optik sowie volksideologische und rassenpolitische Ideale [8].

Industrialisierung des Bauwesens in Frankreich

Raymond Camus ist als einer der Pioniere des industriell vorgefertigten Großtafelbaus zu betrachten. Er arbeitete ab 1937 bei Citroën als Ingenieur und war daher “mit den in der Automobilindustrie erprobten Rationalisierungsmethoden” vertraut [18]. Der Ingenieur übertrug diese Methoden auf die Bauindustrie und meldete 1948 erste Patente für ein vollständig industrialisiertes Bausystem aus vorgefertigten Großtafeln an [4].

Erstmals wurde es 1951 in einem viergeschossigen Wohnhaus in Le Havre (Frankreich) eingesetzt und entwickelte sich zu einem erfolgreichen Modell. Drei Jahre später erhielt er den Zuschlag für einen staatlichen Auftrag zur Errichtung von 4.000 Wohneinheiten in der Nähe von Paris und eröffnete die erste Fabrik für Großtafeln in Montesson (vgl. Abb. 6). Die Realisierung einer Massenproduktion wurde mit der Errichtung weiterer Werke im Jahr 1960 initiiert. So wurden jährlich etwa 20.000 Wohneinheiten mittels des Camus-Verfahrens produziert [4].

Der Durchbruch des Großtafelbaus kam u.a. mit der französischen Automobilindustrie.

Die Ersten Großtafelbauten in der BRD

In der Bundesrepublik Deutschland wurde dieser Ansatz erst zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt. Einerseits wurde in der Entwicklung von industriell vorgefertigten Systemen im Vergleich zu anderen Ländern eine Verzögerung verzeichnet. Zum anderen wurde die Finanzierung zum Bau importierter Systeme von zahlreichen Kreditinstituten abgelehnt, da diese Systeme in der Bundesrepublik Deutschland nicht ausreichend erprobt waren. Zudem erschwerten die unterschiedlichen Richtlinien in den verschiedenen Bundesländern eine zentrale Vorfertigung [9].

Mit dem Einsetzen des Arbeitskräftemangels um 1960 wurden die Vorzeichen für den Großtafelbau in der Bundesrepublik Deutschland neu gesetzt [9]. 1959 wurde das System Camus in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt. Der Architekt Werner Kallmorgen adaptierte das System an die deutschen Normen und realisierte mehrere Siedlungen in Hamburg, darunter Teile der Siedlungen Hamburg-Hohenhorst (1959–1963), Fabrisciusstraße (1959–1963) und Großlohe Süd (1963–1964) sowie fünf Hochhäuser in der Großsiedlung Lohbrügge-Nord (1965–1966). [4]. In Schweden und Dänemark wurden zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie in Frankreich Systeme entwickelt und nach Deutschland exportiert. Im Frühjahr 1959 wurden beispielsweise die ersten industriell vorgefertigten Wohngebäude in der BRD mit dem dänischen System Larsen & Nielsen in Hamburg-Horn errichtet (vgl. Abb. 7) [10], [11].

In der Frühphase der Industrialisierung im deutschen Bauwesen erwarben deutsche Bauunternehmen zunächst Lizenzen zur Nutzung ausländischer Fertigteil-Bausysteme, da dies günstiger war als eigene zu entwickeln. Zudem waren diese Systeme ausgereifter und in den jeweiligen Ländern erprobt. Die Voraussetzungen für die Entwicklung des Großtafelbaus an diesem Standort waren bereits zuvor gegeben und konnten weitgehend ohne Unterbrechung realisiert werden [12].

Eine Ausnahme, die jedoch als Startpunkt für die Entwicklung deutscher Systeme betrachtet werden kann, ist die Firma Betonwerk Niedersachsen GmbH. Sie errichtete im Herbst 1959 in Wolfsburg das erste Wohnhochhaus aus Großtafeln in der BRD (vgl. Abb. 8) [13].

Der Anteil der in Fertigbau errichteten Wohneinheiten verzeichnete ein signifikantes Wachstum. In den frühen 60er Jahren hat sich der Anteil dieser am gesamten Bauvolumen jedes Jahr nahezu verdoppelt und lag 1964 bei 4,4 Prozent [14]. Des Weiteren ist ein deutlicher Anstieg der Anzahl an Fertigbauunternehmen zu verzeichnen: So waren es 1961 lediglich 14 Unternehmen, ein Jahr später bereits 30 Unternehmen. Im Jahr 1963 wurden demnach bereits 500 Unternehmen registriert [12].

In der BRD wurden über die Zeit um die 50 verschiedene Systeme dokumentiert, die sich in geschlossene und offene Systeme unterscheiden, wobei es sich bei den meisten Systemen naturgemäß um geschlossene handelt. Diese liefern im Wesentlichen ein fertiges Gebäude, wobei alle maßgeblichen Konstruktionselemente in den meisten Fällen von einem einzigen Betrieb entworfen, produziert und vor Ort montiert werden. Diese Bauteile werden spezifisch für ein bestimmtes Gebäude angefertigt. Dabei wird konsequent die Systemlogik befolgt: Die Elemente sind auf die Umsetzung der standardisierten Grundrisse des jeweiligen Systems beschränkt, Abweichungen sind kaum vorgesehen. Die vorliegenden Systeme ermöglichen die Errichtung unterschiedlicher Gebäudetypen, darunter Zeilen, Scheiben, Punkthäuser, Blockbebauung und sogar Einfamilienhäuser.

Demgegenüber steht das offene System, das einem Baukastensystem ähnelt. Das Modell zeichnet sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Elemente aus, die flexibel kombiniert werden können. Die spätere Gebäudeform ist nicht von vornherein festgelegt. Die Elemente sind in der Regel kleiner und seltener als im geschlossenen System, wo großformatige Tafeln zum Einsatz kommen. Die Herstellung erfolgt in Serie oder auf Vorrat, wobei der Betrieb, der die Produktion durchführt, nicht zwangsläufig auch der ausführende Betrieb ist [15].

Die erste industriell vorgefertigte Platte in der BRD stammt aus Dänemark.

Anteil Vorfertigung um 1964: BRD ca. 3% - Frankreich ca. 50% - Schweden ca. 60% [12]

Anpassung und Entwicklung deutscher System

Die Industrialisierung des Bauwesens fungierte als Katalysator für die Entwicklung eigener Systeme durch deutsche Firmen. Es wurde davon ausgegangen, dass die industrialisierte und vorgefertigte Bauweise eine permanente Größe bleiben würde. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Entwicklung eigener Systeme der Vorzug gegeben, anstatt weitere Lizenzgebühren für Systeme zu entrichten, die einer Anpassung auf deutsche Normen bedurften. Die Camus-Bauweise wies beispielsweise Mängel im Wärmeschutz auf und war für die kalten deutschen Winter nicht ausgelegt.

Quellenverzeichnis

[4] P. Meuser, Industrieller Wohnungsbau: Handbuch und Planungshilfe. Berlin, Germany: DOM publishers, 2019.
[5] Stiftung Bauhaus Dessau, „Siedlung Dessau-Törten“, Bauhaus Dessau. [Online]. Verfügbar unter: https://bauhaus-dessau.de/orte/siedlung-dessau-toerten/
[6] S. Stackmann, „Dessau-Roßlau: Wohnen in der Kathedrale der Zukunft : Die Veränderungsgeschichte der Siedlung Dessau-Törten“, Universität Bamberg, 2019, doi: 10.20378/irb-46588.
[7] B. Hotze, „Der gekaperte Entwurf: Die Splanemannsiedlung in Berlin-Lichtenberg“, Die Architekt. [Online]. Verfügbar unter: http://derarchitektbda.de/der-gekaperte-entwurf/
[8] T. Hafner, Vom Montagehaus zur Wohnscheibe: Entwicklungslinien im deutschen Wohnungsbau 1945-1970. Basel: Birkhäuser Verlag, 1993.
[9] W. Meyer-Bohe, Vorfertigung: Atlas der Systeme. Essen: Vulkan-Verlag, 1967.
[10] W. Triebel, Rationelles Bauen mit Fertigteilen: Untersuchungen an Montagebauten, Bauarten, Arbeitsverfahren, Aufwendungen. in Wirtschaftlich Bauen : Sonderheft 9. Wiesbaden: Bauverlag, 1968.
[11] J. Burchardt, „Systems for standardized precast concrete elements: The case of the Larsen & Nielsen system“, in Timber and Construction, Cambridge: Construction History Society, 2022.
[12] W. Meyer-Bohe, Vorfertigung: Handbuch des Bauens mit Fertigteilen. Essen: Vulkan-Verlag, 1964.
[13] Kornacker, „Das erste Wohnhochhaus in der Großtafelbauweise: System Betonwerk Niedersachsen“, Betonstein-Zeitung, Bd. 5, Nr. 1961, 1961.
[14] Neue Heimat Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft m.b.H., „Fertigbauwohnungen“, Neue Heimat, Bd. 1965, Nr. 10, S. 65.
[15] G. Sebestyén, Die Großtafelbauweise im Wohnungsbau. Düsseldorf: Werner, 1969.