Das 1940 erteilte Neubauverbot wurde nach massiven Kriegszerstörungen 1942 wieder aufgehoben [8]. Der Mangel an Fachkräften führte dazu, dass das Bauen mit Fertigteilen wieder an Bedeutung gewann. Allerdings waren die erforderlichen Voraussetzungen nicht gegeben. Es standen weder geeignete Fertigungsanlagen noch großformatige Transportgeräte zur Verfügung. Aus diesem Grund wurde überwiegend auf den Einsatz kleinerer, vorgefertigter Bauelemente zurückgegriffen, deren Montage einen geringen Aufwand erforderte. Letztlich hat sich jedoch auch diese Lösung als unwirtschaftlich herausgestellt [10]. Die Problematik der Wirtschaftlichkeit sowie der Baukapazität konnte demnach noch nicht umfassend adressiert werden.
Hinsichtlich der Vorfertigung von Bauelementen wurde bereits in den Kriegsjahren ein Diskurs über die Nachkriegsjahre geführt. Der Führererlass “Sozialer Wohnungsbau nach dem Kriege” aus dem Jahr 1940 stellt eine erstmalige Auseinandersetzung mit der Thematik der Vorfertigung für die Nachkriegsjahre dar. Die sogenannten “Reichsbauformen” umfassen eine Reihe von standardisierten Lösungen für Nasszellen und Fertigtreppen, die von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) entwickelt wurden. Vieles kam aber nicht mehr zur Anwendung, da die Arbeit der DAF mit dem Ende des Krieges ebenfalls ein Ende nahm [8].
Die Kriegszerstörung sowie die Flüchtlingsströme aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten führten in ganz Deutschland zu einem signifikanten Mangel an Wohnraum. Im Jahr 1946 wurde der Wohnungsmangel in den drei Westzonen vom damaligen Bundesminister für Wohnungsbau, Eberhard Wildermuth (FDP), auf etwa 5,5 bis 6 Millionen fehlende Wohnungen geschätzt [16]. Ein bedeutendes Problem beim Wiederaufbau bestand in der Finanzierung. So arbeitete Wullkopf heraus: “Der Kapitalmarkt lag nahezu brach; die wenigen vorhandenen Kapitalmarktmittel fanden attraktivere Anlagemöglichkeiten in der Industrie und im Handel” [17]. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und den Wohnungsbau anzukurbeln, wurde 1950 das erste Wohnungsbaugesetz verabschiedet [16].
Innerhalb eines Jahrzehnts konnte der Bau von insgesamt 3,3 Millionen Wohnungen durch die Förderung des Bundes finanziert werden. Es wurden durch private Investoren zusätzliche 2,7 Millionen Wohnungen errichtet [18]. In der Konsequenz stieg die Zahl der neu fertiggestellten Wohnungen signifikant an und erreichte Mitte der 50er Jahre einen stabilen Wert von 550.000 Wohneinheiten pro Jahr, wie in Abbildung 22 dargestellt.
Zwar führte die Reduzierung der Wohnungsnot zahlenmäßig zunächst zu einer Entspannung der Lage, jedoch resultierte die weiterhin steigende Bevölkerungszahl in einer konstant hohen Nachfrage nach adäquatem Wohnraum. Diese Nachfrage wurde durch verschiedene Faktoren bedingt, darunter die wachsende Zahl von Familien (Baby-Boomer-Generation), zugezogene Gastarbeiterfamilien und Menschen, die nach wie vor in Notunterkünften lebten.
Die signifikant hohe Nachfrage nach Wohnraum ist auch auf den Anstieg des Wohlstands breiter Bevölkerungsschichten zurückzuführen. Der Wohnungsmangel wurde häufig weniger durch objektive Faktoren verursacht. Vielmehr wurde er durch die Wünsche der Bevölkerung bestimmt [9], die mit dem wachsenden Wohlstand einhergingen. In diesem Zeitraum kam es zu einer deutlichen Anhebung der Wohnstandards. Dies äußerte sich insbesondere in der besseren Ausstattung und der vergrößerten Fläche der Wohnungen, während die Belegungszahlen gleichzeitig sanken. Der quantitative Anstieg der durchschnittlichen Wohnungsgröße im sozialen Wohnungsbau zwischen 1949 und 1956 ist signifikant. So verzeichnete diese Kategorie eine Steigerung von 49,9 m² auf 57,6 m². Zum Vergleich: Vor dem Zweiten Weltkrieg waren nur 67,9 % der Wohnungen mit einem eigenen WC ausgestattet. In lediglich 36,7 % der untersuchten Wohnungen war ein Badezimmer vorhanden. In 23,7 % der Mehrfamilienhäuser waren gemeinschaftlich genutzte Waschküchen vorhanden [8].
Die verbesserten Wohnstandards stellten die Bauwirtschaft vor große Herausforderungen, – sie trieben die Baukosten in die Höhe, die sich in den 1950er Jahren mehr als verdoppelten. Einerseits resultieren die gestiegenen Anforderungen an die Ausstattung und die vergrößerte Wohnfläche in höheren Baukosten pro Wohneinheit. Auf der anderen Seite gewann der sogenannte Lohnfaktor zunehmend an Relevanz für die Preisbildung. Es konnte festgestellt werden, dass eine Reihe von Faktoren zu einer signifikanten Steigerung des Lohnanteils an den Gesamtkosten führte. Zu diesen Faktoren zählen Lohnerhöhungen, kürzere Arbeitszeiten, verbesserte Arbeitsschutzvorgaben sowie zusätzliche Zahlungen wie Schlechtwetter- oder Krankengeld. Diese Faktoren trugen wesentlich zur Verteuerung bei. Demgegenüber blieben die Materialkosten vergleichsweise stabil und entwickelten sich weitgehend parallel zum allgemeinen Lebenshaltungskostenindex [].
Obwohl die Zahl der fertiggestellten Wohnungen in den 1950er Jahren auf einem konstant hohen Niveau lag, legen die stagnierenden Fertigstellungen ab etwa 1954 nahe, dass die Bauwirtschaft an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangte, da die Nachfrage nach adäquatem Wohnraum gleichzeitig weiter stieg (vgl. Abb. 22).
Die deutsche Bauwirtschaft war damals, wie heute, kleinteilig und regional organisiert [19] und hat, ähnlich wie die Landwirtschaft, den Schritt der Industrialisierung bislang nicht geschafft [12], weshalb sie besonders mit großen Aufträgen überfordert war. Insbesondere in den Sommermonaten kam es zu einem Mangel an Fachkräften, und die wenigen verfügbaren Arbeitskräfte zogen häufig bessere Arbeitsbedingungen in industrialisierten Wirtschaftszweigen vor [9].
In der Bundesrepublik Deutschland wurde zunächst der Versuch unternommen, die Leistungsfähigkeit im Bauwesen zu erweitern. Zu diesem Zweck wurden Bemühungen unternommen, den Bauablauf zu rationalisieren. Das Ziel bestand darin, “dasselbe Bauvolumen wie bisher mit geringerem Aufwand an Baustoffen, Arbeitsstunden und Betriebsmitteln” zu erreichen [20]. Einen entscheidenden Beitrag leistete dabei das Institut für Bauforschung in Hannover unter der Leitung von Dr.-Ing. Wolfgang Triebel mit regelmäßigen Publikationen. In der vorliegenden Untersuchung wurden zunächst traditionelle Bauweisen und Grundrissformen analysiert und in Bezug auf Arbeitsaufwand, Baukosten und Materialeinsatz miteinander verglichen. So wird beispielsweise beschrieben, dass sich der Arbeitsaufwand für 1 m² Außenwand bei Verwendung von Hohlblock-Mauerwerk (vgl. Abb. 13) im Vergleich zu Vollziegel-Mauerwerk um rund 50 % reduziert [20]. In einer anderen Arbeit wurde dargelegt, dass bereits die Reorganisation von Gewerken und die Optimierung von Arbeitsabläufen zu Kosteneinsparungen führen und Investitionen in groß angelegte Betonwerke überflüssig machen könnten.
Der damit angestoßene Prozess der Rationalisierung des Bauwesens nahm Ende der 1950er Jahre zunehmend Fahrt auf. Die äußeren Umstände hatten das wirtschaftliche Bauen mit Großtafeln bisher behindert. Im Jahr 1951 wurde ein Versuch unternommen, ein amerikanisches System einzuführen. Dieses Unterfangen scheiterte letztlich an dessen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Das Verfahren erforderte einen Auftragsumfang von 300 Wohnungen, um wirtschaftlich rentabel zu sein. Die Gewährleistung solcher umfangreicher Aufträge war zu dieser Zeit nicht gewährleistet [10].
Gegen 1960 kam es zu einer zunehmenden Veränderung der Umstände. Der für die Sommermonate typische Mangel an Arbeitskräften manifestierte sich nun ganzjährig, was die Bauwirtschaft vor neue Probleme stellte. Das Fehlen neuer Auszubildender führte zur Wahrnehmung, dass die Arbeit auf dem Bau trotz hoher Löhne nicht als attraktiv wahrgenommen wurde. Erst jetzt wurde erkannt, dass der Fertigbau eine mögliche Lösung für dieses Problem darstellen könnte [9].
Darüber hinaus begünstigten auch andere Rahmenbedingungen das Bauen in Montagebauweisen, wie den Großtafelbau. Die anhaltend hohe Nachfrage führte zur Realisierung großer Bauvorhaben, die wiederum eine Serienfertigung ermöglichten. Darüber hinaus rentierten sich umfangreiche Investitionen in industrielle Vorfertigungsanlagen im Vergleich zu traditionellen Bauweisen, die deutlich arbeitsintensiver waren, da Lohnniveaus nach wie vor sehr hoch waren. Dies ist unter anderem auf das Rationalisierungspotenzial im Innenausbau zurückzuführen, da Sanitärinstallationen für Waschbecken und Toiletten bereits werkseitig weitestgehend vorinstalliert und Leerrohre sowie Frisch- und Abwasserleitungen in die Betonfertigteile eingelegt werden konnten. In einigen Fällen wurden sämtliche Armaturen bereits werkseitig montiert (vgl. Abb. 23, 25 & 26) [21].
Fortan wurde nicht mehr nur der Bauablauf selbst optimiert (Rationalisierung), sondern es wurde der gesamte Prozess von der Planung bis zur Ausführung einbezogen. Damit wurde die Industrialisierung des Bausektors eingeleitet. “Die Bauwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland hat bei der Industrialisierung des Bauvorganges versucht, durch das Bauen mit Fertigteilen ihre Leistung zu erhöhen und gleichzeitig den Lohnanteil an den Arbeiten zu senken.” [22]
[8] T. Hafner, Vom Montagehaus zur Wohnscheibe: Entwicklungslinien im deutschen Wohnungsbau 1945-1970. Basel: Birkhäuser Verlag, 1993.
[9] W. Meyer-Bohe, Vorfertigung: Atlas der Systeme. Essen: Vulkan-Verlag, 1967.
[10] W. Triebel, Rationelles Bauen mit Fertigteilen: Untersuchungen an Montagebauten, Bauarten, Arbeitsverfahren, Aufwendungen. in Wirtschaftlich Bauen : Sonderheft 9. Wiesbaden: Bauverlag, 1968.
[12] W. Meyer-Bohe, Vorfertigung: Handbuch des Bauens mit Fertigteilen. Essen: Vulkan-Verlag, 1964.
[16] Internetredaktion des Deutschen Bundestags, „Bundestag verabschiedet erstes Gesetz zum sozialen Wohnungsbau“, Deutscher Bundestag. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw13-kalenderblatt-wohnungsbau-1057994
[17] U. Wullkopf, „Wohnungsbau und Wohnungsbaupolitik in der Bundesrepublik Deutschland“, APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. APuZ 9/1982, 1983, [Online]. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/532217/wohnungsbau-und-wohnungsbaupolitik-in-der-bundesrepublik-deutschland/
[18] B. Egner, „Wohnungspolitik seit 1945“, APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, 2014, [Online]. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/183442/wohnungspolitik-seit-1945/
[19] W. Triebel, Wirtschaftlichkeit der Vorfertigung bestimmter Elemente im Hochbau. in Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen 1322. Köln [u.a: Westdt. Verl., 1964.
[20] W. Triebel, Beiträge zur Rationalisierung im Wohnungsbau: Arbeiten und Ergebnisse des Instituts für Bauforschung e.V., Hannover, im Jahre 1950/51. in Forschungen im Bauwesen : Reihe D 7. Stuttgart: Franckh, 1952.
[21] K. Berndt, Die Montagebauarten des Wohnungsbaues in Beton. Wiesbaden [u.a: Bauverl., 1969.
[22] W. Triebel, G. Achterberg, und E. Brocher, Grossformatige Betonfertigteile in Tafelbauart: wirtschaftliche Voraussetzungen für die Anwendung ; mit Zahlentafeln. in Berichte aus der Bauforschung 55. Berlin: Ernst, 1968.
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