Plattenbauten sind ein Massenphänomen der Nachkriegszeit und prägen in nahezu jeder deutschen Stadt das Bild großer Siedlungen. Der Begriff „Plattenbau” wird dabei umgangssprachlich oft despektierlich für verschiedene Wohnbautypologien verwendet, bezeichnet aber ursprünglich eine konkrete Bauweise: die Großtafelbauweise. Nicht jedes Gebäude, das landläufig als „Plattenbau“ bezeichnet wird, ist jedoch tatsächlich ein Großtafelbau. Während diese Bauweise in der ehemaligen DDR bereits gut erforscht ist, fehlen für das Gebiet der Bundesrepublik bislang grundlegende Untersuchungen. Ein zentrales Grundlagenwerk, das die Konstruktion, Geschichte und den heutigen Zustand der Großtafelbauten in der Bundesrepublik zusammenhängend betrachtet, existiert bisher nicht.
Viele dieser Gebäude entstanden in den 1960er Jahren und sind heute, nach mehr als 50 Jahren, am vermeintlichen Ende ihres Lebenszyklus angelangt. Solche „Plattenbauten“ findet man in nahezu jeder Stadt und sie gelten oft als „hässliche Entlein“. Doch worin bestehen eigentlich die konkreten Probleme? Offensichtlich besteht dringender Handlungsbedarf. Vielerorts wird der Abriss und die Errichtung kleinerer Neubauten als bevorzugte Lösung gesehen, so beispielsweise in Neuss. In einem Gespräch mit der „Grevenbroicher Zeitung“ erklärte Frank Lubig, der Vorstandsvorsitzende des Neusser Bauvereins: „Der Rückbau ist für uns enorm wichtig.“ Das Ziel sei, sich nach und nach von großformatigen Plattenbauten zu verabschieden und stattdessen auf kleinteilige Neubauten zu setzen. Hochhäuser sollen künftig nicht mehr das Stadtbild prägen, da viele von ihnen baulich überholt sind und zudem als soziale Brennpunkte gelten [1].
Die Entscheidung für einen Abriss beruht somit nicht allein auf rationalen Gründen, sondern auch maßgeblich auf der negativen Wahrnehmung und Rezeption solcher Siedlungen. Angesichts aktueller Herausforderungen wie Klimawandel und Wohnungsnot scheint ein solches Vorgehen jedoch nicht mehr vertretbar. Der Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der RWTH Aachen betont: „Der nachhaltigste Umgang mit Architektur ist immer deren Erhalt.” [2] Gleichzeitig findet ein grundsätzliches Umdenken in der Architektur statt. Gebäude werden dabei nicht mehr als einmaliger Eingriff, sondern als kontinuierlicher Prozess verstanden, wie auch im Buch „Abrissfrage“ von E. Broermann et al. beschrieben [3].
Vor diesem Hintergrund stellen sich mehrere zentrale Fragen:
Wo befinden sich tatsächlich echte Großtafelbauten? Welche architektonischen Transformationen sind notwendig, um diesen Gebäuden eine nachhaltige Zukunft zu ermöglichen? Und welche Lehren lassen sich aus der Rationalisierung des Wohnungsbaus der Nachkriegszeit für heutige Problemstellungen ziehen?
Im Rahmen eines Master-Projekts am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens der RWTH Aachen werden hierzu unterschiedliche Bausysteme zusammengetragen und in einer Gebäudedatenbank strukturiert. Die Geschichte der Großtafelbauweise wird dokumentiert und exemplarische Siedlungen in Nordrhein-Westfalen werden spezifisch untersucht. Durch eine Feldforschung an den konkreten Objekten und deren Umfeld werden Kernprobleme erfasst und daraus beispielhaft Lösungsvorschläge entwickelt. Diese Website dokumentiert das gesamte Projekt in seinen verschiedenen Phasen und bietet Raum für Weiterentwicklung.
[1] H. Koch, „Wohnraum: Abriss für Neubau“, Grevenbroicher Zeitung, Neuss, 2012. Zugegriffen: 13. Juni 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://rp-online.de/nrw/staedte/neuss/wohnraum-abriss-fuer-neubau_aid-14230507
[2] „Hässliche Entlein | Lehrstuhl für Kunstgeschichte | RWTH Aachen University | DE“. Zugegriffen: 8. Juli 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.kunstgeschichte.rwth-aachen.de/cms/kunstgeschichte/forschung/~bbsloz/haessliche-entlein/
[3] E. Broermann u. a., Die Abrissfrage. in Fundamente Ökologisches Bauen 1. Berlin: JOVIS, 2025. doi: 10.1515/9783986122027.
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